Tanja Kinkel
»Warum Feuchtwanger?«
Die erfolgreiche Autorin historischer Romane promovierte über Lion Feuchtwangers Werk und hat ihre Lektion vom »Meister« gelernt.
In Lion Feuchtwangers Romanen wird über Bücher gestritten. Leidenschaftlich. Auch über Theaterstücke, Lieder und Filme, von Gemälden ganz zu schweigen. Bücher sind immer ein Quell für Auseinandersetzungen, ganz gleich, ob Feuchtwanger den jeweiligen Roman in seiner Gegenwart oder in der Vergangenheit ansiedelt. Es ist ein Merkmal von Feuchtwangers Romanen: Er war ein Mann, der glaubwürdig Charaktere erschaffen konnte, die von Ideen motiviert werden, durch Fiktion, durch Kunst, und dabei gleichzeitig alles andere als fleischlose Geschöpfe sind, meistens sehr sinnesfroh, und ganz und gar nicht zur spontanen Heldenhaftigkeit neigend. Hier haben wir einen Autor, der während einer der unheilvollsten Epochen der Menschheitsgeschichte lebte; einen Autor, der mit der negativen Seite der Menschen nur allzu vertraut war und einige der furchteinflößendsten Beschreibungen von Lynchjustiz in seine Romane einbaute. Dieser Autor drückte durch seine Werke die Überzeugung aus, dass Ideen und Kunst auch positive Veränderungen in der menschlichen Geschichte bewirken können. Darin ist er zutiefst ein Schüler der Aufklärer Lessing und Moses Mendelssohns, die er verehrte.
Selbst in einem durch die Zeitumstände hastig verfassten und sehr düsteren Roman wie »Die Geschwister Oppermann«, seine erste schriftstellerische Reaktion auf das Dritte Reich, spiegelt sich das wieder. Der Schüler Berthold Oppermann muss einen Aufsatz über Hermann den Cherusker (oder, wie ihn sein Lehrer nun nennt, »Hermann den Deutschen«) schreiben, doch er bringt es nicht über sich, aus diesem Aufsatz die Unterwürfigkeitsgeste zu machen, die er sein soll. Nicht nur, weil die ständig wachsende Unterdrückung zu Beginn des Dritten Reiches zu viel für ihn wird, sondern weil Berthold beginnt, sich für das Thema wirklich zu interessieren. Aus dem Aufsatz wird daher eine echte gedankliche Auseinandersetzung. Dieser Teil der »Geschwister Oppermann« ist wohl derjenige, an den sich die meisten Leser des Romans am besten erinnern; ganz gewiss ist das bei mir der Fall. Über das Schreiben zu schreiben, die Aufregung, Abneigung oder leidenschaftliche Zustimmung, die ein Kunstwerk hervorrufen kann, auf fiktive Weise zu vermitteln, ohne seine Leser zu langweilen, ist teuflisch schwer, wie ich als Romanautorin nur allzu gut weiß. Feuchtwanger aber schafft es jedes Mal. Wenn in seiner Josephus-Trilogie die Hauptfigur, Josef, versucht, gleichzeitig ein jüdischer und ein römischer Schriftsteller zu sein, dann ist an diesem roten Faden durch die Trilogie hindurch nichts theoretisch-trockenes. Selbst, wenn man noch keine einzige Zeile von Flavius Josephus gelesen hat, wird man davon gefangen genommen.
Josefs Streitgespräche mit seinem Rivalen, Gegenpol und Freund Justus drehen sich genauso um seine Bücher wie um sein Leben; die Aufführung eines Theaterstückes, die Interpretation einer Rolle durch einen Schauspieler kann sowohl eine mutige Geste als auch eine demütigende Unterwerfung sein. In beiden Fällen gelingt es Feuchtwanger, das Theaterstück, die Darsteller und die Ideen ungeheuer lebendig zu machen. Als ich die Chance hatte, drei Monate in der Villa Aurora zu verbringen, wo Feuchtwanger von 1943 bis zu seinem Tod lebte, war ich nicht davon überrascht, sie voller Bücher zu finden. Es war die dritte Bibliothek, die sich Feuchtwanger ersammelt hatte, nachdem er die erste durch die Machtergreifung der Nazis verlor, und die zweite durch ihren Einmarsch in Frankreich. Er war so sehr in Bücher vernarrt, wie es seine Figuren sind. Es war eine faszinierende Erfahrung, durch seine Ausgaben von Beaumarchais oder Spinoza genauso blättern zu können wie durch die Bestseller der 50er Jahre, die ebenso ihren Weg zu ihm fanden.
Feuchtwangers Manuskripte und seine kostbarsten Bücher werden in der Feuchtwanger Memorial Library auf dem Campus der University of Southern California aufbewahrt. Als ich für meine Doktorarbeit recherchierte, war ich sehr häufig dort. Die verschiedenen Stadien von Manuskripten zu betrachten wie zum Beispiel »Die Jüdin von Toledo«, die von Feuchtwangers Sekretärin in unterschiedlich farbigem Durchschlagspapier sorgfältig abgelegt worden waren, glich einer spannenden Detektivarbeit: man konnte beobachten, wie manche Charakterisierungen detaillierter, andere Gedanken gestrichen wurden, neue dazu kamen, Anliegen klarer wurden, usw. Einer der Gründe, warum ich mir Feuchtwangers Romane als Dissertationsthema ausgesucht hatte, war der, dass ich wusste, selbst nach Jahren akademischer Auseinandersetzung würde ich Feuchtwanger aus Vergnügen lesen. Seine Figuren, die in der Regel zwiespältig und ganz und gar nicht eindeutig charakterisiert sind, ziehen mich immer wieder in ihren Bann. Genauso beeindruckt mich sein Talent, Orte zu beschreiben, die er wie seine Westentasche kannte, wie seine Heimatstadt München, und andere, die er nie in seinem Leben je erblicken sollte, wie Israel. Ich lebe seit 1988 in München, und es ist manchmal amüsant und manchmal beunruhigend, noch so viel von dem München, das Feuchtwanger in seinem Roman »Erfolg« beschreibt, wieder zu finden. Über Bert Brecht sind viele Biographien geschrieben worden, aber nur wenigen Autoren gelang es, ihn dem Leser auch nur annähernd so lebendig vor Augen zu führen, wie es Feuchtwanger durch Brechts alter ego Kaspar Pröckl in »Erfolg« tut.
Die Beschreibungen des antiken Judäa in der Josephus-Trilogie, die Feuchtwanger allein auf Recherche stützte, stecken voll der Sehnsucht eines Manns im Exil nach etwas, das für ihn nie greifbar werden wird, was sowohl auf die Hauptfigur, auf die Situation der Juden zu dieser Zeit als auch auf den Autor zutrifft: Er versuchte, sein altes kosmopolitisches Ideal mit den Zwängen der Realität zu vereinbaren, die Nationalstaaten noch notwendig machte. Ich stieß auf einen Brief Feuchtwangers an Arnold Zweig, der in den 30ern und 40ern in Palästina lebte und Feuchtwanger zu sich einlud. Mich überraschte es nicht im geringsten, als ich Feuchtwangers Ablehnung las, die er damit begründete, dass er über die Gegend im letzten Band der Josephus-Trilogie schrieb. Er wolle nicht, dass die Augenblickswirklichkeit seine Vorstellung von dem Land zerstöre, und das zeigt, warum das fiktive Judäa in der Josephus-Trilogie das Gegenstück zum Bayern des Romans »Erfolg« ist. Es ist kein idealer Ort – im Gegenteil, während des Zeitraums, den Feuchtwanger beschreibt, herrscht dort ständig Krieg –, es ist vielmehr eine Idee, ein Symbol von Verlust und Sehnsucht. München und Bayern dagegen sind eine Wirklichkeit, die in satirischer Weise dargestellt werden, mit einer bissigen Zuneigung, die ihre Leser wachrütteln sollte. Beide Extreme finden sich in Feuchtwangers Romanen, und sie berühren mich heute noch genau so wie an dem Tag, da ich ihnen zum ersten Mal begegnete.
Wir müssen alle unsere eigenen Stimmen als Autoren finden; andere zu imitieren, führt nur zu Verlegenheiten. Aber was wir lesen, formt unweigerlich die Art und Weise, wie wir uns ausdrücken. Ich hoffe, dass ich durch das Schreiben selbst mein Handwerk gelernt habe – und es immer noch lerne. Aber ich weiß, dass ich mich, als ich beispielsweise daran ging, über Richelieu und eine Reihe weiterer Figuren im frühen 17. Jahrhundert zu schreiben, mit den theologischen Traktaten, der Literatur der Zeit und politischen Pamphleten vertraut machte, weil ich wissen musste, was in den Köpfen meiner Figuren vorging. Ich wusste, dass ich nur einen geringen Bruchteil davon in dem späteren Roman würde verwenden können, aber erst musste ich mich informieren, und einige dieser Gedanken würden dann auch in Streitgesprächen meiner Romanfiguren enden. Denn Charaktere, die nicht irgendwann über Bücher, gesellschaftliche Veränderungen, Ideen, Kunst oder Religion streiten, solche Charaktere sind nicht ganz wirklich für mich. Und diese Lektion lernte ich von Lion Feuchtwanger.
• Tanja Kinkel
Dr. Tanja Kinkel, Studium der Germanistik, Theater- und Kommunikationswissenschaft, Literaturpreise und Stipendien in Rom, Los Angeles und an der Drehbuchwerkstatt München, PEN-Mitglied,
11 Romane, in 13 Sprachen übersetzt.
Foto: Feuchtwanger Memorial Library, Special Collections, University of Southern California |